Werckmeister und Kirnberger

Die Mitteltönigkeit hat den Nachteil, dass sich nur bestimmte Tonarten spielen lassen. Die Haupttonarten sind rein und die Verstimmungen liegen an den „Rändern“. Es wurde aber nach einer Möglichkeit gesucht, alle Tonarten zu verwenden, also musste das Komma besser verteilt werden. Zwei Vertreter dieser so genannten temperierten Stimmungen waren Kirnberger und Werckmeister. Werckmeister lebte von 1645 bis 1706 und war Musiktheoretiker und Organist. Wichtig für ein temperiertes System ist das Verteilen des pythagoreischen Kommas auf die Quinte, während in der Mitteltönigkeit die Quinten so gestimmt waren, dass sie möglichst viele reine Terzen ermöglichten. Werckmeister begründete also die Bevorzugung der Quinte vor der Terz. Die wichtigste Werckmeister – Stimmung war Werckmeister III. Diese wird noch heute in einigen Instrumenten verwendet. Beispielsweise sind die Orgel in der Schweizer Kirche zu Emden (Baujahr 1962) und die Orgeln der reformierten Kirchen in Jennelt (1738, 1969 restauriert) und Wybelsum (1965) in Werckmeister III gestimmt. Es herrscht in der Literatur keine Vereinheitlichung, wie die verschiedenen Werckmeister – Stimmungen zu bezeichnen sind. Werckmeister selber bezeichnete seine erste Stimmung mit der Ziffer III, da er sie zuvor mit der reinen und mitteltönigen Stimmung vergleicht. In der Literatur werden diese Stimmungen zum Teil übersprungen, sodass die eigentliche Werckmeister III – Stimmung als Werckmeister I oder II bezeichnet wird. Im folgendem wird erstere Variante verwendet, d. h. die Benennung erfolgt ab Werckmeister III. Bei diesem, auch einfach „Werckmeister – Stimmung“ genannten System, handelt es sich um seine am meisten verbreitete Stimmung. Das Komma ist auf die Quinten c – g, g – d, d – a und h – ges zu verteilen. Diesem Prinzip folgen auch die weiteren Werckmeister – Stimmungen. In Werckmeister IV werden beispielsweise fünf Quinten um ein Drittel des pythagoreischen Kommas (εp) tiefer, und zwei Quinten um ein Drittel εp höher gestimmt.

Zu erkennen ist auch, dass durch das Verteilen des εp sich auch die Terzen verändert haben. Unten ist Werckmeister III dargestellt. Aus der Grafik kann entnommen werden, dass fünf Terzen unter 10 Cent liegen und daher leichter schweben. Weitere fünf Terzen liegen zwischen 10 und 20 Cent und zwei Terzen bei 22 Cent über der reinen Terz. Im Vergleich zur Mitteltönigkeit (acht reine und vier sehr stark schwebende Terzen) ist hier deutlich erkennbar, dass der Fokus sich auf das Erschließen aller Tonarten gewandelt hat.

Kirnberger verhielt sich in der Hinsicht ähnlich. Kirnberger I und II ähneln noch stark der mitteltönigen Stimmung. Kirnberger I hat sogar noch eine Wolfsquinte, weshalb diese Stimmung auf vermehrte Ablehnung stieß. Kirnberger III war für die Musikgeschichte umso wichtiger. Gesucht wurde ein System, in dem die Wolfsquinte auf ein Minimum reduziert ist und was ansonsten nur aus reinen und höchstens mitteltönigen Quinten besteht.

Vier mitteltönige, sieben reine und eine Wolfsquinte ergeben addiert sieben Oktaven, wobei die Wolfsquinte ca. der heutigen gleichstufigen Quinte (Qe) entspricht, also nicht mit der mitteltönigen Wolfsquinte zu vergleichen ist.

Kirnberger III ist im folgendem 3 dargestellt. Der größte Unterschied von Kirnberger zu Werckmeister III besteht darin, dass weniger reine Quinten vorliegen, dafür ist aber die Terz c – e rein.