18. Jh.: Die Orgel der ev.-ref. Kirche Campen

Die Orgel am 16.05.2021.

1 Geschichte

Entgegen vieler anderen Gemeinden im Westen Ostfrieslands hatte die ev.-ref. Kirche in Campen lange Zeit keine Orgel. Erst 1835 wurde vom Orgelbauer W. C. J. Höffgen eine Orgel aufgestellt, die ursprünglich als Hausorgel gedacht war. Sie stammt vermutlich aus dem Campener Vorwerk, einem nahe bei Campen liegenden Hof. Dieser wird allerdings erst 1871 erstmalig urkundlich erfasst. Der eigentliche Orgelbauer und das Baujahr sind nicht bekannt, es handelt sich vermutlich um das 18. Jahrhundert. Für die Aufstellung der Orgel wurde im ehemaligen Chorraum die Empore neu errichtet, der Hauptraum der Kirche ist dadurch etwas größer geworden.

Das Werk bliebt über das 19. Jahrhundert unverändert. Erst in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begann Max Maucher in das historische Werk einzugreifen. Er erweiterte das Werk zum einen um einen Principal 8′ und ein angehängtes Pedal. Letzteres war bereits im vorherigen Jahrhundert vorgeschlagen, aber nie umgesetzt worden. Allerdings ersetzte er auch den alten Gedackt 8′ zugunsten eines neuen. Gegen seine Arbeit spricht zudem, dass das Werk trotz seiner Maßnahmen zu der Zeit als stark reparaturbedürftig wahrgenommen wurde.

Dennoch wurde der historische Wert der ursprünglichen Hausorgel nach dem zweiten WK erkannt und das Werk vom Orgelbauer Alfred Führer restauriert. Er führte dieses allerdings nicht in den ursprünglichen Zustand zurück, sondern ersetzte den Principal von Maucher durch ein Krummhorn und ergänzte eine Zimbel.

Nachdem sich der Zustand in den folgenden Jahrzehnten wieder bis zur Unspielbarkeit verschlechterte, erfolgte 1997 schließlich eine Restauriert durch Bartelt Immer, der die Orgel auf den historischen Zustand von 1835 zurückführte und die zusätzlichen Register sowie das angehängte Pedal entfernte. Das mag drastisch erscheinen, allerdings ist das Werk seitdem ohne Probleme spielbar und spiegelt klanglich und im Spielgefühl den ursprünglichen Charakter wieder.

2 Beschreibung und Besonderheiten

Die Orgel verfügt über 4 Register ohne Pedal und ist auf der Ostseite im ehemaligen Chorraum aufgestellt. Der Klang ist kräftig und obertonreich, was bei einem solch kleinen Werk auch nötig ist um die Gemeinde zu begleiten. 3 der 4 Register sind in Bass und Diskant aufgeteilt wie es bei Hausorgeln häufiger vorkommt. Die Teilung liegt zwischen h und c‘. Dies erlaubt mehr Möglichkeiten in der Registerwahl und die Fähigkeit, Bass und Diskant hervorzuheben um so den Eindruck einer mehrmanualigen Orgel zu vermitteln. Dies ist vor allem in der Improvisation praktisch, kommt vereinzelt aber auch in der Literatur der Barockzeit vor. Beispielsweise liegt die Stimmführung in Voluntarys von John Stanley oder William Boyce oft im Rahmen vom Bass- und Diskantambitus. Der Organist sitzt direkt ca. einen halben Meter vor dem Pfeifenwerk und kann den Klang als sehr laut und kratzig empfinden, da dieser ausfüllend für den Kirchenraum unten intoniert ist. Sinnvoll ist im vollen Plenum daher auf die Dauer ein Gehörschutz. Die Tasten sind recht kurz und extrem leichtgängig, sie haben nur wenig Spiel und der Druckpunkt ist fast direkt am Anschlag. Ein schnelles, virtuoses Spiel muss daher gut geprobt und sehr sauber erfolgen, da die Orgel keine Fehler verzeiht und die Gefahr besteht, benachbarte Tasten mit anzuschlagen. Dennoch macht das Spielen trotz dieser Herausforderung durchaus Spaß und fühlt sich in der schönen Kirche, die ihre mittelalterliche Gestalt noch weitgehend erhalten hat, an, wie eine kleine Zeitreise.

3 Disposition

Gedact 8′ (unterteilt in Bass und Diskant)
Octave 4′ (unterteilt in Bass und Diskant, alt)
Flöte 4′ (unterteilt in Bass und Diskant, alt)
Octave 2′ (alt)

4 Beispielvideo

5 Literaturverzeichnis

Ich gebe keine Gewähr für die Richtigkeit dieses Textes. Neben den folgenden Quellen sind auch meine eigenen Eindrücke von der Orgel eingeflossen.

Nickles, Ralph: Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Verlag H. M. Hausschild GMBH, Bremen 1995, Herausgeber: Harald Vogel, Veröffentlichungen der Akademie für Alte Musik, Institut der Hochschule für Künste Bremen.

Ostfriesische Landschaft: Campen, Gemeinde Krummhörn, Landkreis Aurich.
https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Campen.pdf (Aufgerufen am 23.05.2021).