1642-43 | Westerhusen | Sieburg

Die Orgel 2026.

1 Disposition und Überblick

Erbauer: Jost Sieburg
Jahr: 1642/43
Ort: Ev.-ref. Kirche Westerhusen
Umfang: 7p

Manual (C-c“‘):
Gedackt 8′ (Sieburg)
Quintadena 8′ (~1500, von Sieburg umgearbeitet)
Praestant 4′ (~1500, von Sieburg umgearbeitet)
Octave 2′ (~1500, von Sieburg umgearbeitet)
Quinta 1 1/3′(~1500)
Mixtur IV (höchster Chor Ahrend & Brunzema, ansonsten Sieburg)
Trompete 8′ (Bassbereich Sieburg, anstonsten älter)

Pedal (C-e): Angehängt an das Manual

Zimbelsterne (Glockenkränze rekonstruiert)

Stimmung: Rein mitteltönig
Stimmtonhöhe: Ca. ein Halbton über Normal

2 Geschichte

Vorgeschichte:

16. Jh.: Eine Orgel ist bereits verhanden.

Heutige Orgel:

1642/43: Jost Sieburg baut eine neue Orgel. Er verwendet -wie zu der Zeit üblich- große Teile der vorherigen Orgel wieder, darunter den Orgelstuhl, der noch immer gotische Merkmale aufweist. Ebenso übernimmt er die Register Quintadena 8′, Praestant 4′, Octave 2′, die Diskantseite der Trompete 8′ und die Quinta 1 1/3′. Er ändert Intonation und Mensuren der ersten drei Register, indem er die Pfeifen unter anderem der Länge nach aufschneidet und enger zusammenlötet. Die Labien sind heute jetzt breit im Verhältnis zum eigentlichen Pfeifendurchmesser. Die Quinte 1 1/3′ ist dagegen noch recht weit mensuriert. Gedackt 8′ und Mixtur baut er selber.

1647: Die Orgel erhält ihre erste Bemalung.

17.-18. Jh.: Es folgen kleinere Reparaturen, aber das Pfeifenwerk bleibt lange unverändert und erweist sich als sehr widerstandsfähig. Über die Zeit werden generell nur wenige Pfeifen repariert oder ausgetauscht.

1875: Die Kirche wird neu gestrichen, dabei auch die Orgel, die älteren Inschriften werden übermalt.

Vor 1900: Der Tastenumfang wird erweitert, die nötigen Pfeifen werden in einem weiteren Verschlag untergebracht.

1950: Die Orgel befindet sich in einem sehr schlechten Zustand. Ähnlich wie in Groß Midlum hatten Pfuscher versucht, das Werk zu verbessern, es aber sehr in Mitleidenschaft gezogen.

1955: Die Orgel wird durch Ahrend und Brunzema restauriert, eine Pionierleistung der jungen Orgelbauer. Dabei werden viele spätere Arbeiten rückgängig gemacht und das alte Material restauriert. Die zusätzlichen Töne Cis, Dis, Fis werden belassen, sodass die heutige Orgel keine kurze Oktave besitzt. Im Untergehäuse findet man die alte Pedalklaviatur mit kurzer Oktave. Eine neue Klaviatur mit chromatischem Umfang wird erstellt und der Originalen nachempfunden. Die Originale befindet sich im Organeum in Weener. Die Restaurierung der Prospektpfeifen ist schwierig, weil man zuvor die Pfeifen mit Ofenbronze übergestrichen hat. Die ist teilweise sogar in die Kernspalten reingetropft, hat einen guten Klang nahezu unmöglich gemacht und musste komplett entfernt werden. Die beiden gedackten Register Register Gedackt 8′ und Quintadena 8′ haben keine Hüte, sondern sind noch gelötet, übrigens ein Beispiel dafür, dass das Pfeifenwerk ansonsten recht unberührt ist. Um die Register umzustimmen, hatte man die Deckel einfach eingedrückt. Mit Spezialdrähten konnte das wieder rückgängig gemacht werden. Auch die Aufschnitte der Pfeifen war noch ursprünglich, was später ermöglichte, sich dem originalen Klang anzunähern. Der fehlende vierte Chor der Mixtur wird mit altem Material rekonstruiert und die Orgel wieder mitteltönig gestimmt. Außerdem wird die alte Farbgebung wieder hergestellt.

[Ich empfehle bei Interesse sehr das Buch „Orgelbauer früher: In der Krummhörn und anderswo“, herausgegeben 2021 von Karin Bockelmann in der Buchwerkstatt Hage (Verlag). Der Artikel über Westerhusen ist von Jürgen Ahrend selber geschrieben und nochmal wesentlich anschaulicher und detailierter, als meine Zusammenfassung hier. Und auch die anderen Kapitel beispielsweise über Uttum sind interessant geschrieben und vor allem stichhaltig und seriös.]

3 Beschreibung und Besonderheiten

Die Orgel verfügt über sieben Register auf einem Manual und angehängtem Pedal und ist auf der Ostseite aufgestellt.

Der Klang der Orgel ist hell, strahlend, kräftig und durchdringend. In der Literatur wird das häufig auf den Orgelbegleiteten Gemeindegesang zurückgeführt, der zwei Jahre zuvor in der Gegend eingeführt wurde. Die Orgel stand nun also nicht mehr alleine, sondern musste mit der laut singenden Gemeinde mithalten. Dazu sei allerdings gesagt, dass Renaissanceorgel ebenfalls bestimmt nicht leise waren. Die Orgel in Uttum ist bekannt dafür, dass ein oder mehrere Orgelwerke aus dem 16. Jh. in ihr aufgingen, sie klanglich aber nicht so „barockisiert“ wurde, wie Westerhusen. Und die Orgel kann mühelos den Gesang einer vollen Kirche leiten. Dass die Orgel nun vermehrt zur Gemeindebegleitung herangezogen wurde, ist sicher ein Faktor gewesen. Man darf aber durchaus ergänzen, dass sich auch generell das Klangideal im 17. Jh. änderte. Sieburg stammt aus Götting, war in Bremen an einer großen Orgel tätig und ist generell weit gereist. Dass er seine eigene, moderne Note im Orgelbau mitbrachte, ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Nach 400 Jahren über Renaissance- und Barockklänge zu sprechen, ist ohnehin mit einigen Spekulationen verbunden, obwohl man hier in Westerhusen zumindest klare Indizien hat. Schließlich wurden die Pfeifen aktiv und klar sichtbar verändert, um einen anderen Klang zu erreichen.

Man kann für diese Orgel keine klanglichen Highlights benennen, die Orgel ist das Highlight. Die Mixtur hat einen wunderbaren, festlichen und reinen Klang, der auch deutlich größere Orgeln in den Schatten stellt. Wie man nun die Grundlage für das Plenum registriert, ist variabel, da die Register ebenso kräftig wie kombinierbar sind. Klassisch wäre das Prinzipalplenum mit 8′, 8′, 4′ und 2′, ich persönlich ersetze aber auch gerne die Octave 2′ mit der Quinta 1 1/3′. Das Plenum wird dann etwas schlanker. Die Trompete 8′ schmettert obertonreich und laut. Sie hat besonders im Diskant wenig Grundton und klingt voll, wie ein ganzes Bläserkonsortion. Die Orgel macht im vollen Werk -natürlich mit Trompete und Mixtur- einfach Spaß. Man kann dann die Orgel auch tatsächlich bis zur Straße noch hören. Wer dauerhaft in dieser Lautstärke übt, sollte sich einen Gehörschutz mitbringen. Ruhige Klänge kann die Orgel natürlich auch, angefangen mit dem Gedackt 8′, der auch alleine einen sehr charakteristischen und obertonreichen Klang hat. So richtig leise, dass Pastor und Pastorin unten während des Abendmahls darüber sprechen können, ohne sich anzustrengen oder ein Mikrophon zu nutzen, ist der allerdings auch nicht. Gedackt und Quintadena zusammen bilden den in kleineren Orgeln dieser Zeit üblichen Ersatz für den Prinzipal 8′. Reizvoll ist der Spaltklang aus Gedackt 8′ und der noch weit mensurierten Quinta 1 1/3′, wodurch man in schnellen Läufen einen glöckchenartigen Klang erzielen kann. Die Orgel verfügt über zwei Zimbelsterne, die sich drehen und dabei ebenfalls einen glockenspielartigen Klang von sich geben.

Als Organist sollte man vorweg wissen, dass die Orgel mitteltönig gestimmt ist. Es bietet sich natürlich an, Literatur aus der späten Renaissance und dem Frühbarock auszuwählen, beispielsweise von Sweelinck, Scheidt, Praetorius, Scheidemann und Kindermann. Aber auch spätere Komponisten wie Telemann und Pachelbel sind oft umsetzbar, da die mitteltönige Stimmung noch teilweise bis in den Spätbarock angewendet wurde und in dieser Orgel keine kurze Oktave mehr vorhanden ist. Das ist möglicherweise dem geschuldet, dass es die zweite Restaurierung durch Ahrend & Brunzema überhaupt war und die Orgel noch dazu deutlich mehr historische Substanz enthielt, als ihre erste. Es hat den Beteiligten wohl schon sehr viel Überredungskunst gekostet, die Mitteltönigkeit zu legen. Die Restaurierung der Westerhuser Orgel ist eine absolute Pioniertat. Es wäre zu der Zeit normal gewesen, alles Kaputte wegzuschmeißen und einfach neu zu bauen, was vielerorts auch geschah. Allein die Offenheit für Neues gegenüber den noch jungen Orgelbauern durch den damaligen Orgelsachverständigen Hallensleben ist bemerkenswert. Die Orgel ist ein wunderschönes, historisches Werk, das sich jeder Organist und Konzertbesucher unbedingt mal ansehen sollte.

Ein Besuch lohnt sich besonders, weil man hier dem Übergang zwischen Spätrenaissance und Frühbarock so nahe kommt, wie es ansonsten kaum möglich ist.

4 Literaturverzeichnis

Ich gebe keine Gewähr für die Richtigkeit dieses Textes. Neben den folgenden Quellen sind auch meine eigenen Eindrücke von der Orgel eingeflossen.

Bockelmann, K.; Ahrend, J. und Schaudinn, H. (2021): Orgelbauer früher: in der Krummhörn und anderswo. Hage: Buchwerkstatt Hage.

Nickles, R. (1995): Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Bremen: H. M. Hauschild.

Ruge, R. (ohne Jahr): Westerhusen, Ev.-ref. Kirche. Orgel von Jost Sieburg (1642/43). Stade: Nomine e. V. http://www.nomine.net/westerhusen-ev-ref-kirche (Aufgerufen am 05.03.2021).