1794 | Burhafe | Rohlfs I

Orgelvorstellung, O Vater, allmächtiger Gott; BWV 758 (Johann Sebastian Bach zugeschrieben) und Toccata in G (Giuvanni Battista Martini)

1 Disposition und Überblick

Erbauer: Johann Gottfried Rohlfs
Jahr: 1794
Ort: Ev.-luth. St.-Florian-Kirche Burhafe
Umfang: 13I(P)

Alle Register von Rohls sofern nicht anders angegeben

Manual:
Principal 8 Fusſ.
Gedact 8 Fusſ (teils Kirschner)
Hohl=Flöte 8 Fusſ=Basſ
Flöte traver. 8 Fusſ Disct. (Kirschner)
Octave 4 Fusſ.
Rohr=Flöte 4 Fusſ. (Kirschner)
Nassat 3 Fusſ (teils Kirschner)
Octave 2 Fusſ. (Vorabzug Mixtur)
Mixtur 5 Fach. (teils älter als Rohlfs)
Cornet 3 Fach Discant (teils Kirschner)
Dulcian 16 Fusſ (=Basſ+Disct., Kirschner)
Trompete 8 Fusſ (=Basſ+Disct., Kirschner)

Pedal: Angehängt an das Hauptwerk
Subbass 16′ (Registerzug Sperventil [sic!])

Tremulant
Calcant=Schel.

Stimmung: Ungleichstufig
Stimmtonhöhe: Ca. einen Halbton über Normal (Chortonstimmung)

2 Geschichte

Vorgeschichte:

1698: Ein „ziemlich guter“ Organist und Schulmeister Enno Johannsen wird in einem Visitationsbericht erwähnt.

1794: Die Vorgängerorgel wird als ein kleines Positif oder Schnarrwerk beschrieben.

Heutige Orgel:

1794: Johann Gottfried Rohlfs baut die heutige Orgel.

1820-21: Die Kirche wird neu gebaut.

1826: Rohlfs baut auch die letzten Teile der Orgel wieder ein, die während des Neubaus ausgelagert war.

1905: Quasi-Neubau durch Johann Martin Schmid.

1989: Erste Kostenvoranschläge zur Restaurierung.

1998: Orgelrevisor Reinhard Ruge erstellt einen Rahmenplan.

1999: Vergabe des Auftrags an Alfred Führer Orgelbau.

2003: Das Projekt wird in mehrere Teilabschnitte eingeteilt, da nur begrenzt finanzielle Mittel verfügbar sind.

2004: Insolvenz der Firma Alfred Führer Orgelbau.

2007-09: Harm Dieder Kirschner übernimmt den Auftrag und restauriert die Orgel. Die Farbfassung des Prospekts übernimmt Restaurator Gerold Ahrends aus Lauenburg. Dulcian und Trompete bleiben vacant.

2022: Kirschner rekonstruiert die beiden Zungenregister und schließt damit die Restaurierung ab.

3 Beschreibung

Die Orgel verfügt über 13 Register auf einem Manual und eingeschränkt selbstständigem Pedal und ist auf der Westseite aufgestellt.

Wer in Ostfriesland Orgel spielt und ein bisschen nach rechts und links schaut, wird früher oder später auf den Namen Rohlfs stoßen. So ziemlich jede zweite Orgel aus der Zeit des 19. Jahrhunderts wurde von dieser Orgelbaufamilie gebaut. Begründet hat die Werkstatt Johann Gottfried Rohlfs. Er hatte bei Hinrich Just Müller gelernt und begann Ende des 18. Jahrhunderts damit, sich immer selbstständiger zu machen. Die Orgel in Burhafe von 1794 gehört zu den ersten, die ganz unter dem Etikett Rohlfs laufen, wobei er auch noch später wieder mit Müller zusammenarbeitete.

Die Orgel kann natürlich erst einmal leise. Im Video oben hört man in einer Variation Gedact 8’ und Nasat, beides Register mit originalen Pfeifen. Die Traversflöte war zur Erbauungszeit „in“, ist dann später mal ersetzt worden und wurde bei der Restaurierung rekonstruiert. Ähnliches gilt für die Rohrflöte 4′.

Nach Burhafe kann man zwar für die leisen Klänge fahren, aber eigentlich will diese Orgel laut gespielt werden. Das Fundament dafür bietet der Prinzipal 8’. Es ist original, eine ganz besondere Angelegenheit, weil man eigentlich die Prospektpfeifen im Ersten Weltkrieg immer eingeschmolzen hat, um das Material für den Krieg zu nutzen. Mit dem Tremulant bildet sich einer der wohl schönsten Prinzipalklänge in Ostfriesland. Er ist weich und streichend intoniert, fast schon leicht brechend, aber immer noch mit genug Grundton, um das Prinzipalplenum zu tragen. Auf den Prinzipal 8′ bauen die Oktaven 4 und 2’ auf und schließlich die Mixtur. Oktave 2′ und Mixtur teilen sich einen Registerzug, wenn man ihn halb herauszieht, erklingt die Oktave 2’. Alle Prinzipalregister enthalten Pfeifen von 1794, die Mixtur sogar welche aus einer alten Orgel von um 1600.

Für den vollen Klang gesellen sich noch die Zungenstimmen Dulcian 16’, die einzige 16’-Stimme in der originalen Disposition, und die Trompete 8’ hinzu, außerdem hat die Orgel auch ein Kornett, also eine terzhaltige Flötenmixtur. Die Zungenstimmen sind rekonstruiert, das Kornett ist teilweise original. Diese drei Register ergeben mit dem Prinzipalplenum zusammen das volle Werk, weniger scharf als die Barockorgeln der vorherigen Jahrzehnte, dafür aber mindestens genau so mächtig in der Mittellage. Die Terz aus dem Kornett gibt dem vollen Werk zudem noch einen leicht französischen Charakter. Der Dulcian 16′ alleine kling leider etwas unregelmäßig und verstimmt schnell. Der Grund liegt dabei weniger beim Orgelbauer, sondern beim Material, mit dem er arbeiten musste.

Spannend ist das Werk aber auch aus einem ganz anderen Grund: Hört man sich die letzte Variation im Video an, bekommt man den Eindruck, die Orgel hätte ein selbstständiges Pedal, also Register, die nur für das Pedal bestimmt sind.

Im Bass hört man die Trompete 8’, in den beiden Diskantstimmen das Kornett. Beides sind Manualregister und das Pedal ist angehängt. Die Orgel verfügt über ein ausgeklügeltes System, die rechte und die linke Seite des Manuals getrennt voneinander zu registrieren. Drei Register lassen sich für den linken Bereich des Manuals ziehen, vier für den rechten. Bei der letzten Variation im Video habe ich z. B. die Trompete 8’ für den linken gezogen und das Kornett für den rechten. Geteilte Register sind in Ostfriesland erst einmal nichts neues, besonders ist hier der Ort der Teilung. Meistens nimmt man die Mitte, um eine Melodie in der rechten Hand von der Begleitung in der linken zu trennen. Hier liegt die Trennung aber beim fis und trennt die ersten anderthalb Oktaven des Manuals, in dem man für gewöhnlich den Bass spielt, vom restlichen Manual. Dadurch entsteht der Eindruck, die Orgel hätte tatsächlich ein selbstständiges Pedal. Man zieht zwar keine Register ausschließlich für das Pedal, aber für den Bereich, in dem man das angehängte Pedal in der Regel spielt. Es fällt erst auf, wenn man im Pedal höher als fis spielt oder mit der linken Hand im Manual unterhalb vom fis.

Ein selbständiges Pedalregister hat die Orgel übrigens tatsächlich. Es ist ein Subbass 16’ aus Schmids Umbau. Den hat man hinter dem Sperventil versteckt und auf einer eigenen Lade hinter dem denkmalpflegerischen Teil aufgestellt. Er macht den Klang für den liturgischen Dienst, besonders für die Choralbegleitung etwas runder und wärmer.

Ein Besuch lohnt sich besonders aufgrund, weil man hier den Erfindungsreichtum der Übergangszeit zwischen Barock und Romantik entdecken kann.

4 Literaturverzeichnis

Ich gebe keine Gewähr für die Richtigkeit dieses Textes. Dieser Beitrag setzt sich aus Informationen zusammen, die ich bei einem Besuch vor Ort, im Austausch mit Orgelbauer Kirschner (dafür vielen Dank!) sowie folgenden Quellen erfahren habe:

Ruge, R. (2022): Burhafe, St. Florian. Stade: Nomine e. V. https://nomine.net/orgel/burhafe-st-florian/ (03.05.2026).

Kaufmann, W. (1968): Die Orgeln Ostfrieslands – Orgeltopographie. Aurich: Ostfriesische Landschaft.