1855 | Thunum | Rohlfs II

Die Orgel 2022.

1 Disposition und Überblick

Erbauer: Arnold Rohlfs
Jahr: 1855
Ort: Ev.-luth. St.-Marien-Kirche Thunum
Umfang: 6Ip

Manual (C-f“‘):
Gedackt 8′ (Rohlfs, Diepenbrock)
Traversflöte 8′ (Führer)
Prinzipal 4′ (Rohlfs)
Flöte 4′ (Rohlfs)
Waldflöte 2′ (Rohlfs)
Dulcian 8′ Bass+Disc. (Führer)

Pedal (C-a): Angehängt an das Manual

Sperrventil

Stimmung: Gleichstufig
Stimmtonhöhe: Annähernd Normal

2 Geschichte

Vorgeschichte:

Um 1810: Ein Orgelpositiv wird erworben.

1851: Ein Gutachten von Arnold Rohlfs beschreibt das Positiv als von einem Nichtkundigen gebaut. Es sei „nicht so alt, wie es schlecht ist“ und in einem so schlechtem Zustand, dass er es nicht mehr pflegen könne.

Heutige Orgel:

1851: Rohlfs schlägt einen Orgelneubau mit sechs Registern für 385 Tlr. vor. Er würde auch auf 315 Tlr. runtergehen, wenn er alte Pfeifen einbaut.

1851: Der Organist, der auch Lehrer ist, streitet sich mit dem Pastor. Der sieht einen Neubau als nicht nötig an, es ginge ja auch Jahrhunderte lang ohne Orgel. Der Lehrer sei hochmütig, würde sich auf der Orgel nur vergnügen und gegen andere großtun wollen. Der Kirchenvorstand lehnt den Orgelbau entsprechend ab, der Organist/Lehrer ist daraufhin entsetzt.

1855: Arnold Rohlfs baut die Orgel mit fünf Registern.

Um 1900: Johann Diepenbrock saniert die Orgel und erweitert sie um eine Gambe 8′.

1924: Max Maucher arbeitet an der Orgel und ersetzt den Dulcian durch einen Prinzipal 8′.

1974: Reparatur durch Jürgen Ahrend.

1985: Alfred Führer Orgelbau unter der Leitung von Fritz Schild restauriert die Orgel umfassend. Die Restaurierung passiert in einer Zeit des Umbruchs in der Firma Führer. Nach den sehr umstrittenen „Restaurierungen“ diverser Orgeln in den 50er und 60er Jahren bemüht sich Schild nun um denkmalpflegerische Maßstäbe. Der Restaurierungsbericht dieser und diverser anderer Restaurierungen zu der Zeit lassen jedenfalls eine Liebe zum Detail erkennen. Die Werkstatt lässt sich auf die Zeiten ein, zu der ihre zu restaurierenden Orgeln gebaut wurden. Die Traversflöte in Thunum wird nach Roggenstede, der Dulcian nach Hage rekonstruiert.

Um 2020: Jürgen Ahrend Orgelbau überholt die Orgel (Das genaue Jahr steht noch aus und wird bald ergänzt).

3 Beschreibung

Die Orgel verfügt über sechs Register auf einem Manual und angehängtem Pedal und ist auf der Westseite aufgestellt.

Die Orgel ist ein Kursiosum. Sie wirkt ein wenig wie eine Spielwiese und Möglichkeit für Rohlfs, Neues auszuprobieren. Die Disposition ist bereits ungewöhnlich. Rohlfs hat bis dato eher barocke Dispositionen als Grundlage genommen und mit galanten Registern wie beispielsweise der Traversflöte ergänzt. Die Orgel in Siegelsum von 1844 hat auch sechs Register. Drei davon sind Prinzipale (Principal 4′, Octave 2′, Rauschquinte II), dazu kommt eine Trompete für die ganz festlichen Anlässe und für leisere Klänge Rohrflöte 4′ und Gedact 8′. Letzter bildet dann natürlich auch das Fundament für das Prinzipalplenum. Man hat den klassischen Aufbau aus Prinzipalen mit einer Mixtur (hier die Rauschquinte II), einer Zungenstimme und daneben ein paar Flöten.

In Thunum haben Rohlfs und die Beteiligten der Kirchengemeinde so ziemlich alles über den Haufen geworfen und ein neues Konzept entwickelt. Die Orgel hat weder Mixtur noch Trompete. An Prinzipalen ist nur der Prinzipal 4′ geblieben, das Register im Prospekt. Das ist entsprechend kräftig intoniert, ebenso wie der Dulcian, der anstelle einer Trompete eingebaut ist. Vier der sechs Register sind Flöten, die einen hübschen, runden Klang haben. Die Waldlöte 2′ ist klanglich immer noch eine Flöte, aber etwas „härter“, als die anderen. Man kann sie getrost über dem Prinzipal 4′ verwenden. Es gibt an dieser Orgel auch sonst keine Regeln, man kann so ziemlich jedes Register mit jedem anderen kombinieren. Und das, obwohl die Register durchaus Charakter haben. Das passt zum experimentellen Charakter der Orgel und auch generell zum Zeitgeist der Frühromantik. Dort wurde viel neues ausprobiert, nicht nur im Orgelbau.

Hingucker der Orgel ist natürlich das Messerrückenpedal, das in der nachfolgenden Abbildung zu sehen ist. Ein solches Pedal ist heute nicht nur in Ostfriesland extrem selten und hat sich im Laufe der Zeit nicht wirklich durchgesetzt. Das Pedalspiel muss sehr gut geprobt werden. Die Tasten sind extrem schmal und haben wenig Tiefgang. Konventionelle Spitze-Hacke-Spiel kann man nur mit den Obertasten bequem machen, z. B. bei Chromatiken. Nur auf den Stammtönen wird es schwierig, weil die Tasten auch nicht sehr lang sind. Man sollte sich auf jeden Fall Literatur einpacken, in denen das Pedal nur unterstützt z. B. mit Orgelpunkt oder Ostinatobässen. Der Vorteil ist allerdings, dass das reine Spitze-Spiel sehr schnell geht, weil die Tasten sehr schmal und eng beisammen sind. Man „wischt“ geradezu mit dem Fuß über das Pedal. An Musik ist die Komponistengeneration um Rinck zu empfehlen. Rinck passt zeitlich, seine einfacheren Werke haben auch einfacheres (oder gar kein) Pedalspiel und sie passen auch musikalisch ganz gut zu den Registern.

Spieltisch der Orgel (aufgenommen 2022).

Ein Besuch dieser kuriosen Orgel lohnt sich besonders, um mal auf einem richtigen Messerrückenpedal zu spielen.

4 Literaturverzeichnis

Ich gebe keine Gewähr für die Richtigkeit dieses Textes. Dieser Beitrag setzt sich aus Informationen zusammen, die ich bei einem Besuch vor Ort sowie folgenden Quellen erfahren habe:

Dannenberg, H.-E. (Hg.): Siegelsum, Ev.-luth. Kirche. Stade: Nomine e. V. https://nomine.net/orgel/siegelsum-ev-luth-kirche/ (22.07.2026).

Dannenberg, H.-E. (Hg.): Thunum, Ev.-luth. Kirche (St. Marien). Stade: Nomine e. V. https://nomine.net/orgel/thunum-ev-luth-kirche-st-marien/ (22.07.2026).

Ev.-luth. Landeskirche Hannover (2026): Thunum. In: Historisches Kirchengemeindelexikon. https://kirchengemeindelexikon.de/einzelgemeinde/thunum/ (22.07.2026).

Kaufmann, W. (1968): Die Orgeln Ostfrieslands – Orgeltopographie. Aurich: Ostfriesische Landschaft.