
Die Orgel hat zwar noch kein Videoportrait von mir, aber etwa in der Mitte dieses Videos einen kurzen Gastauftritt:
1 Disposition und Überblick
Erbauer: Gebr. Rohls (Arnold Rohlfs und dessen Neffe Friedrich Rohlfs)
Jahr: 1867-68
Ort: Ev.-ref. Kirche Loppersum
Umfang: 11lP
Alle Register von Rohlfs sofern nicht anders angegeben
Manual (C-f“‘):
Bordun 16′ (teilweise Immer)
Principal 8′ (teilweise Immer)
Gedackt 8′
Rohrflöte 8′
Gambe 8′ (Immer)
Octave 4′
Flöte 4′ (teilweise Immer)
Quinte 3′
Octave 2′
Pedal (C-d‘):
Subbass 16′
Violon-Cello 8′
Koppeln: HW/Ped
Ventil
Stimmung: Gleichstufig
Stimmtonhöhe: Annähernd normal
2 Geschichte
Vorgeschichte:
~1680: Eine Orgel ist vorhanden, wohl eine Schenkung der Familie Wersabe, Besitzer der Loppersum Burg. Die Sage, dass es eine Schenkung der Gräfin Anna Mitte des 16. Jh. sei, ist eher unwahrscheinlich.
1753-54: Große Renovierung durch Cornelius Wallis.
1838-1861: Mehrere teils widersprüchliche Aussagen zum Zustand der Orgel. Diese wird zunächst als nicht mehr zu gebrauchen bezeichnet und nach der Jahrespflege durch Heinrich Friedrich Thielke wieder als brauchbar.
Heutige Orgel:
1864-67: Eine neue Orgel wird geplant. Sie solle ähnlich der in Suurhusen sein, wo Brond de Grave Winter 1857-58 eine Orgel baute. Winter soll nun auch die neue Loppersumer Orgel bauen.
1866: Die Kirche samt Inventar, was heute noch vorhanden ist, wird neu errichtet.
1867: Winter beginnt mit dem Orgelbau.
1867: Winter bittet die Orgelbaukommission, die Frist zur Fertigung zu verlängern, da sich sein Orgelbau in Jemgum verzögert hat. Die Kommission gibt den Auftrag dagegen an die Gebrüder Rohlfs aus Esens weiter. Die im Kontrakt festgehaltene Disposition ist der heutigen ähnlich, wobei statt der heutigen Rohrflöte 8′ eine dreifache Mixtur festgehalten wird. Laut Bartelt Immer, der 2018 die Orgel restaurierte, hat es nie Plätze und Bohrungen auf der Windlade für eine Mixtur gegeben. Der Kontrakt wird also schon beim Bau verändert.
1868: Die Orgel wird von den Gebrüder Rohlfs fertiggestellt und eingeweiht. Sie wird in einem Imitat der Holzmaserung gestrichen.
1917-18: Abgabe der Prospektpfeifen.
1919-20: Einbau neuer Prospektpfeifen durch Friedrich Klassmeyer.
1926: Die Disposition wird genannt und enthält das Register „Trompetenbaß 16′“ im Pedal, allerdings ist dies bereits hier als Vacant-Zug gekennzeichnet. Ob die Orgel jemals ein solches Register im Pedal hatte, ist alleine wegen des Raumes unmöglich.
1932-47: Die Orgel ist wohl gebrauchsfähig, aber in keinem guten Zustand. Gründe hierfür sind wohl Holzwurm und die Verwendung von Weichholz.
1952: Rolf Hallensleben schreibt einen Verriss der Orgel. So bezeichnet er die vielen 8′-Register als „Doubletten“ und den Klang als „recht barbarisch“, man müsse ihn dringend ändern. Fairerweise muss man sagen, dass das Werk wohl in einem Zustand war, in dem es mit Sicherheit keine Begeisterung an romatischen Orgeln versprühte. Außerdem fällt Hallenslebens Wirken in die Zeit der Orgelbewegung, einem Trend, in dem es romantische Orgeln ohnehin schwer hatten. Hallenslebens Ansichten waren normal und in Mode.
1952: Karl Puchar nimmt eine Reinigung, Neuintonation und Änderung der Disposition vor. So baut er unter anderem die Register Sifflöte 1′, Terzian 4/5′ 2fach und Mixtur 4fach ein. Er benutzt hohe Bordunpfeifen als 4′-Reihe, um das Register Violon 8′ zum Choralbass 2f. zu erweitern.
1984, 89: Reperaturen durch Alfred Führer Orgelbau.
2018: Die Orgel wird durch Bartelt Immer umfangreich restauriert und entsprechend der Romantik intoniert. Vollständig rekonstruiert werden muss tatsächlich nur die Gambe 8′. Alle anderen Register können mindestens in Teilen wiedergefunden werden, da auch eigentlich ersetzte Pfeifen in anderen Registern wiederverwendet wurden.
3 Beschreibung
Die Orgel verfügt über 11 Register auf einem Manual und selbstständigem Pedal und ist auf der Westseite aufgestellt.
Das Werk ist ein Paradebeispiel für hochromantischen Orgelbau in Ostfriesland. Das Crescendo von pianissimo bis fortissimo kommt nicht dadurch zustande, Register mit immer kleineren Fußzahlen übereinanderzustapeln. Das volle Werk basiert auf der Vielzahl von 8′-Registern, die alle einen unterschiedlichen Charakter haben und sich ergänzen. Mixtur und Trompete sucht man in der Disposition vergeblich, die scharfen und schnarrenden Register waren zur Zeit der Romantik weniger in Mode. Natürlich kann man die Orgel auch angelehnt an eine Barockorgel registrieren, dafür stehen die Prinzipale 8′, 4′, 3′ und 2′ zur Verfügung. Klanglich macht es aber Sinn, die ganzen 8′-Register in den vollen Klang einzubeziehen. Die Orgel biete diverse Dynamikstufen. Das beginnt mit dem leisesten Register, dem Gedackt 8′. Der ist extrem zurückhaltend und leise. Man kann mit ihm perfekt zum Abendmahl oder anderen Gelegenheiten spielen, in denen die Orgel im Hintergrund bleiben muss. Das Spiel erfordert Fingerspitzengefühl, die originale Spieltraktur neigt zum Klappern. Die Klaviatur braucht wegen der vielen großen Windverbraucher in 16 und 8′-Lage einen recht großen Tiefgang und erinnert im Spiel eher an ein Klavier. Homogene Akkordketten spielen sich auf jeden Fall leichter, als polyphone Werke mit vielen Läufen.
Den Gedackt kann man dann wunderbar mit der Rohrflöte kombinieren. Der Klang wird dadurch nicht wirklich lauter, die Rohrflöte unterscheidet sich nur um Nuancen vom Gedackt. Beide Register werden um die Mitte des Manuals zum Diskant hin kräftiger. Melodiestimmen lassen sich so etwas von der Begleitung absetzen. Gesteigert wird der Kontrast noch durch das Oktavieren der Melodiestimme nach oben. „Ich ruf‘ zu dir“ aus dem Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach lässt sich beispielsweise damit -romatisch interpretiert- sehr schön darstellen, zumal die Orgel auch zwei Pedalregister hat. Die Dynamik steigert sich weiter mit dem Prinzipal 8′, rund, vokal und aber nicht aufdringlich und mit der Gambe 8′. Die hat Bartelt Immer sehr kräftig, obertonreich und streichend intoniert, um, so sagt er selbst, dem restlichen Werk etwas Helligkeit entgegenzusetzen. Als Vorbild diente eine originale Gambe 8′ aus der Zeit. Die Rechnung geht voll auf. Die runden Flöten, die obertonreiche Gambe und der Principal in der Mitte addieren sich perfekt zu einem voluminösen Gesamtklang ähnlich einem Orchester.
Weiterführen lässt sich das Crescendo mit der Flöte 4′, die sehr rauschend intoniert ist. Das tut dem Klang sehr gut, da als nächstes der Bordun 16′ hinzutritt. Dass bei 11 Registern gleich zwei 16′-Register vorhanden sind, ist schon etwas besonderes. Der Bordun 16′ ist am Spieltisch sehr kräftig, fast schon überladen. Man sollte sich davon als Organist nicht täuschen lassen, der Klang unten ist nämlich gut abgestimmt und dennoch warm und bassig. Besonders, wenn das Pedal mit Koppel hinzutritt, entsteht durch die zwei 16′- und die vier 8′-Register bereits ein voller, voluminöser Klang. Wenn dann noch die Prinzipale 4′, 3′ und 2′ hinzutreten, entsteht ein symphonisches Klangbild, was sinnbildlich für die Hochromantik in Ostfriesland ist.
Als Organist, der Neobarock gewöhnt ist, muss man sich zunächst auf diese Art zu registrieren, einlassen. Ich persönlich würde Choralintonationen mit einer Kombinationen aus 8′-Registern spielen, die Pedalregister mit Koppel sind vorweg schon gezogen. Zur ersten Strophe kämen dann Bordun 16′ sowie die Octaven 4′ und 2′ hinzu. Die liegen recht nahe beieinander, mit beiden Händen und etwas Übung lassen sie sich auch mit einem Schlag ziehen, ohne das Metrum zu verlassen. Die Strophen könnte man dann mit der Octave 2′ und der Quinte 3′ variieren (z. B. 2. Strophe -Octave 2′, 3.Strophe +Quinte 3′, 4. Strophe +Octave 2′). Wenn die Kirche voll ist, könnte man noch den Cantus firmus nach oben oktavieren, sodass der Bordun 16′ zum 8′ wird. Dadurch gewinnt die Melodiestimme noch einmal deutlich an Helligkeit, was die fehlenden Register Mixtur und Trompete ausgleicht. Ihr volles Potential entfaltet die Orgel dann natürlich mit den Werken von beispielsweise Justin Heinrich Rinck, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Führer und Gustav Adolph Merkel. Es hat allerdings auch seinen Reiz, stilfremde Organisten auszutesten. Das bereits erwähnte Choralvorspiel über „Ich ruf zu dir“ von Bach klingt auf der Ort anders schön, ebenso wie die Fantasie in C-Moll aus BWV 537.
Ein Besuch lohnt sich besonders, wenn man voll in die Klangwelt der ostfriesischen Hochromantik eintauchen möchte.
4 Literaturverzeichnis
Ich gebe keine Gewähr für die Richtigkeit dieses Textes. Dieser Beitrag setzt sich aus Informationen zusammen, die ich bei einem Besuch vor Ort, im Austausch mit Orgelbauer Bartelt Immer (dafür vielen Dank!) sowie folgenden Quellen erfahren habe:
Kaufmann, W. (1968): Die Orgeln Ostfrieslands – Orgeltopographie. Aurich: Ostfriesische Landschaft.
Nickles, R. (1995): Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Bremen: H. M. Hauschild.