1778 | Manslagt | Müller

Die Orgel 2021.

1 Disposition und Überblick

Erbauer: Hinrich Just Müller
Jahr: 1776-78
Ort: Ev.-ref. Kirche Manslagt
Umfang: 14IIp

Alle Register von Müller sofern nicht anders angegeben

Hauptwerk (C-c“‘):
QUINTADENA 16 FUS (im Prospekt Müller, innen Immer)
PRINCIPAL 8 FUS (im Prospekt Müller, innen Immer)
VIOL DI GAMBA 8 FUS (Rekonstruktion Immer anhand einer originalen Pfeife)
OCTAVA 4 FUS
GEMSHORN 4 FUS
QUINTA 3 FUS
OCTAVA 2 FUS
MIXTUR (4fach)
TROMPET 8 FUS BAS+DIS (Immer)

Brustwerk (C-c“‘):
GEDAXCT 8 FUS
ROHRFLÖT 4 FUS
OCTAVA 2 FUS
SCHARFF (3fach)
KRUMHORN 8 FUS (Immer)

Pedal (C-d‘): Angehängt an das Hauptwerk

Koppeln: BW/HW (Schiebekoppel mit Registerzug „COPEL“)
TREMULANT
KLOK (Kalkantenglocke für die Balgtreter hinter der Orgel)
SPERVENTIE WERK
SPERVENTIE BRUST

Stimmung: Ungleichstufig
Stimmtonhöhe: Ca. einen Halbton über Normal

2 Geschichte

Vorgeschichte:

~1550: Der Pastor Menso Poppius verbrennt angeblich im Zuge des Calvinismus Orgel und Bilder der Kirche auf dem Acker. Das stößt auf Unverständnis, weshalb ihn einige sogar „beiseite schaffen“ wollen. Das passiert nicht, er bleibt bis 1567 Pastor.

Heutige Orgel:

1775: Gleich vier Orgelbauer konkurrieren um den Auftrag, in Manslagt eine Orgel bauen zu dürfen:
Dirk Lohmann aus Emden für 1296 Rth. und 8 Sch.,
Johann Friedrich Wenthin aus Emden für 1296 Rth.,
Wachter aus Oldenburg für 1250 Rth. und
Hinrich Just Müller aus Wittmund für 1050 Rth.
Wenthin fällt negativ auf, da er bei der Verhandlung nicht anwesend war. Als klar wird, dass der Entwurf von Müller der favorisiert wird, bietet an, diesen für 1222 Rth. und 6 Sch. zu bauen. Wachtern geht auf Müllers Preis runter, woraufhin er ihn mit 950 Rth. erneut unterbietet. Die Kommission entscheidet sich daraufhin für Müller.

1776-78: Müller baut die Orgel.

1780-81: Die Orgel wird braun und golden bemalt.

1847-48: R. J. Schmid foliert die Prospektpfeifen neu und bessert die Bälge neu. Ob er zur weitreichenden Orgelfamilie Schmid stammt, ist ungeklärt, er war jedenfalls zuvor Geselle bei Höffgen in Emden. Die weiße Farbgebung der Orgel stammt möglicherweise aus der Zeit.

Bis 1936: Die Orgel wird gepflegt, ansonsten nicht sonderlich verändert.

1936: Friedrich Voget bemängelt einerseits den Zustand der Orgel, weil teils Pfeifenwerk gar nicht mehr anspricht, andererseits auch das barocke Klangbild. Ihm fehlt Bass, die Orgel würde „schreien“.

1937: Karl Puchar saniert die Orgel. Er entfehrnt die beiden Zungenstimmen und die Quintadena 16′, statt letzterer baut er einen Subbass 16′ für das Pedal ein. Der steht auf einer eigenen Kegellade hinter dem eigentlichen Gehäuse, versperrt daher den Zugang zum Pfeifenwerk im Hauptwerk und strahlt ungünstig in den Chorraum ab, nicht aber in den Hauptraum. Er ersetzt zudem die Viol di Gamba 8′ durch eine Viola d’amour 8′ und baut einen neuen Principal 8′ aus Zink ein. Er wird innen auf den Stöcken der alten Register Quintadena 16′ und Principal 8′ gesetzt. Der Prospekt wird durch entfernen der Kondukten stillgelegt. Dadurch hat man in Manslagt den seltenen Fall, dass die Prospektpfeifen von Quintadena und Principal erhalten sind, aber die Innenpfeifen nicht. Normalerweise ist das anders herum, da die Prospektpfeifen in der Regel im ersten Weltkrieg zu Kriegszwecken abgegeben werden mussten. Manualklaviaturen und Registerknöpfe fertigt er neu. Der Winddruck wird erhöht.

1948: Bereits elf Jahre später hat sich durch die Orgelbewegung das Klangideal so verändert, dass Enno Popkes vom Erahnen einer vergangenen Klangpracht spricht. Er bedauert den großen Umbau durch Puchar.

2000: Bartelt Immer restauriert die Orgel aufwändig. Die Marienhafer Orgel dient -angepasst an die Pfeifenstöcke- als Vorbild für das Krumhorn, die Midlumer für die Trompete und die Woquarder für die Sperventiele. Kalkantenglocke und Tremulant finden sich auf dem Dielenboden und werden nach Vorbild Woquard wieder eingebaut. Als Vorbild für die Klaviaturen dienen Middels (Backen) und Holtrop (Tastenbeläge). Alle unvollständigen Register können anhand von restlichen originalen Pfeifen rekonstruiert werden. Da einerseit von ein Registerzug frei ist, aber zur Erbauungszeit Schiebekoppeln üblich waren, baut Immer einen „Zwitter“: Die Schiebekoppel kann während des Spiels über den Zug aktiviert werden. Die Bezeichnung der Register wird jeweils von der größten erhaltenen Pfeife übernommen. Die Pfeifen sind zwar durch die Bank weg verbeult, im Labienbereich aber kaum verändert. Nur wenige Aufschnitte sind vergrößert worden, die Kernstiche sind sehr fein und könnten durchaus original sein. Man hat stattdessen Bärte angelötet, als man zuvor den Winddruck erhöht hat. Nach dem Ablöten wird der Winddruck auf 60 mm abgesenkt, auch, weil die Pfeifen zum Oktavieren neigen. Eine ungleichstufige Stimmung wird gelegt.

2027: Eine größere Überholung ist geplant, unter anderen, da der Winddruck 2000 wohl doch zu niedrig eingestellt wurde.

3 Beschreibung

Die Orgel verfügt über 14 Register auf zwei Manualen und angehängtem Pedal und ist auf der Ostseite aufgestellt.

Die Manslagter Orgel ist ein Werk, das in der Krummhörn heraussticht. Beim Betreten der Kirche fällt einem sofort ins Auge, sie ist reich mit Schnitzwerk verziert und in die Brüstung ist außerdem die Attrappe eines Rückpositivs eingelassen. Bisher kannte man in der Krummhörn den barocken, hanseatischen Prospektaufbau mit zwei Spitztürmen außen, einem Rundturm in der Mitte und Flachfeldern dazwischen. So ist es heute noch bei den Nachbarn in Pilsum (Grotian 1694) oder Jennelt, wo Müllers Lehrmeister Constabel 1738 eine Orgel baute. Müller baute statt Spitztürmen immer Rundtürme und ergänzt zu beiden Seiten des Mittelturmes noch je ein hohes Feld für lange Pfeifen. Der Orgel wirkt dadurch mächtiger, als bei den Nachbarn.

Klanglich ist die Orgel im Spätbarock angesiedelt. Galante Register wie Cornet und Traversflöte sucht man vergeblich. Die Orgel besteht zum Großteil aus Prinzipalregistern, im Hauptwerk die Register von Principal 8′ bis Mixtur, im Brustwerk die Octav 2′ und das Scharff. Principal 8′ und Octav 4′ sind vokal mit sanftem Strich gehalten, alle Register darüber hell und kräftig. Das Klangbild ist nur etwas weniger scharf, wie die Pilsumer Grotian-Orgel, hat im Vergleich etwas mehr Gravität mit der Quintadena 16′ und strahlt laut und festlich in den Raum hinein. Besonders gilt das, wenn Brustwerk und Hauptwerk gekoppelt und Scharff und Mixtur zusammengezogen werden. Den ganz großen Klang bekommt man, wenn dann noch die Trompet hinzugezogen wird. Die ist in Bass und Diskant geteilt und man kann nach Belieben auch nur eine Seite des Manuals verstärken.

So weit, so ostfriesisch. Interessant sind die leisen Soloregister der Orgel. Im Brustwerk sind das Gedact 8′ und Rohrflöt 4′, die recht lieblich intoniert sind und bietet sich nicht nur als Grundlage für die beiden Prinzipalregister, sondern auch zur Begleitung von Solisten an. Letzteres wird durch die Nähe des Brustwerkes zum Spieltisch noch gesteigert. Im Hauptwerk ist neben dem Gemshorn 4′ noch eine Viol di Gamba 8′ vorhanden. Das ist zu der Zeit in Ostfriesland noch recht selten. Müller gehört zu den ersten, die hier Streichregister gebaut haben und ist in der Hinsicht recht fortschrittlich. Bei Müller zeigt sich vom Orgelbau her eine gewisse Nähe zu Westfalen, was auch für seine neuartige Prospektgestaltung gilt. Der Tremulant ist recht hektisch und eignet sich mehr dafür, homogene Akkordketten interessanter zu machen, als ein delikates Stimmvibrato für Solostimmen zu immitieren.

In Manslagt steht also eine Orgel mit spätbarocker Disposition, entsprechendem Klang, einer Streicherstimme und drei Flötenregistern, aber nicht in hoher Lage. Zusammen mit der wohltemperierten Stimmung und den zwei Manualen bieten sich mitteldeutsche Komponisten an. Die starken, gravitätischen Prinzipalklänge und die Streicherstimme kommen dem Spiel von Bachs Werken entgegen und die fehlende Selbstständigkeit des Pedals lässt sich mit dem zweiten Manual überbrücken. Bach hätte aber wohl mehr Flöten vermiss, wie man aus dem Gutachten zur Orgel in Mühlhausen erahnen kann, und außerdem eine terzhaltige Stimme. Da ist die Orgel in Arle noch etwas geeigneter (siehe den Artikel zu Arle). Aber Werke von Komponisten wie Johann Gottfried Walther, Friedrich Wilhelm Zachow, Johann Caspar Simon und Johann Ludwig Krebs gehen auf der Orgel hervoragend. Es sollte nur nicht zu galant werden, dafür fehlen Register wie die Traversflöte oder Cornet. Andererseits ergibt sich mit Quintadena 16′, Principal 8′, Viol di Gamba 8′ und Gedact 8′ (mit Copel) ein warmer Schmelzklang, der schon in die Frühromantik reicht.

Ein Besuch lohnt sich besonders, weil hier eine großartige Orgel des Spätbarocks samt Streicherstimme vorhanden ist, auf der sich mitteldeutsche Komponisten dieser Zeit hervorragend darstellen lassen.

4 Literaturverzeichnis

Ich gebe keine Gewähr für die Richtigkeit dieses Textes. Dieser Beitrag setzt sich aus Informationen zusammen, die ich bei einem Besuch vor Ort, im Austausch mit Orgelbauer Bartelt Immer (dafür vielen Dank!) sowie folgenden Quellen erfahren habe:

Immer, B. (2001): Restaurierungsbericht zur Orgel von Manslagt. Nicht publiziert.

Kaufmann, W. (1968): Die Orgeln Ostfrieslands – Orgeltopographie. Aurich: Ostfriesische Landschaft.

Nickles, R. (1995): Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Bremen: H. M. Hauschild.