1694 | Pilsum | Grotian

Die Orgel 2022.

1 Disposition und Überblick

Erbauer: Valentin Ulrich Grotian
Jahr: 1694
Ort: Ev.-ref. Kreuzkirche Pilsum
Umfang: 16IIp

Alle Register von Grotian sofern nicht anders angegeben

Hauptwerk (CDEFGA-c“‘):
Principal 8 Voet
Quintadena 8 Voet
Octav 4 Voet
Gemshorn (4′)
Nasat 3 Voet
Octav 2 Voet
Flachfloit 2 Voet
Mixtur (IV-V)
Sexquialter (II)
Trompet 8 Voet

Brustwerk (CDEFGA-c“‘):
Gedact (8′)
Gedactfloit (4′)
Super-Octav (2′)
Quint 1 1/2 Voet
Scharf (II)
Regal 8 Voet

Pedal (CDEFGA-c“‘): Angehängt an das Hauptwerk, Fis und Gis stumm

Koppeln: BW/HW (Schiebekoppel), Pedalkoppel
Tremulant
Calcant

Stimmung: Norder Stimmung
Stimmtonhöhe: Ca. einen Halbton über Normal

2 Geschichte

1694: Die Orgel wird von Valentin Ulrich Grotian gebaut.

1764: Organist und Lehrer Edo Siewerts notiert die Anordnung der Register am Spieltisch.

1765: Eine kleine Renovierung wird nötig.

1772: Dirk Lohmann überholt die Orgel, er ist auch in einer Inschrift auf dem Prospekt verewigt.

1774: Erneute Reparatur.

1806: Die Orgel wird als „ziemlich gut“ befunden.

1823: Johann Christian Grüneberg führt eine umfassende Überholung durch.

1840: Hermann Friedrich Thielke repariert die Orgel.

1843: Arnold Rohlfs beschwert sich beim Kg. Konsistorium in Aurich über verschiedene Reparaturen. So habe auch der „Steinhauer Thilke“ die Pilsumer Orgel repariert und verschlechtert.

1853: Gerd Sieben Janssen renoviert die Orgel und ändert die Disposition. Neben neuen Klaviaturen baut er die Register Bordun 16′ und Doppelflöte 8′ ein. Für letztere will er eigentlich „Quintaton“ (Quintadena) und „Spitzflöte“ (Flachfloit) umgießen, baut sie dann aber doch neu aus Holz. Erweitert den Tonumfang, indem er die Töne Cis, Dis, Fis und Gis ergänzt.

Um 1900: Johann und sein Sohn Hans Diepenbrock flegen die Orgel und nehmen u. a. eine größere Reparatur vor, in der sie die Klaviaturen erneuern und die Keilbälge durch einen Magazinbalg ersetzen.

Um 1917: Abgabe der Schalltrichter der Trompete zu Kriegszwecken. In der Folgezeit offenbar Einbau neuer.

1923: Der Organist schreibt einen Veriss über seine Orgel, sie sei voller Schreier und das Oberwerk (Hauptwerk) gar nicht zu gebrauchen. Das Unterwerk (Brustwerk) wäre für den Gottesdienst in Ordnung, für den Organisten „Ohrenbeleidigung“. P. Furtwängler und Hammer habe dem Organisten wohl auch schon gesagt, dass das Hauptwerk nicht mehr zu retten ist, was sie allerdings so ziemlich jeder alten Orgel attestierten. Tatsächlich muss die Orgel auch jenseits jeder zeitgenössischen Abneigung gegenüber barocken Orgel in einem schlechten Zustand gewesen sein. So sollen viele Pfeifen nicht mehr ansprechen und man müsse im Brustwerk alle Register ziehen, um die Gemeinde zu begleiten. Die Traktur sei wohl sehr unzuverlässig. Interessant ist dabei nur, dass die Jahrespflege bis dato über viele Jahrzehnte eigentlich lückenlos ist.

1930: Max Maucher führt eine umfangreiche Renovierung durch. Die Trompete wird durch eine Gambe 8′ ersetzt.

1935: Ein Gehilfe Mauchers führt eine offenbar mangelhafte Stimmung durch. Nachdem der Organist den Gehilfen auf Probleme im Pedal hinweist, ist dessen Reparatur wohl so mangelhaft, dass er selbst die Probleme provisorisch lösen muss. Die Gemeinde möchte daraufhin nicht mehr von Mauchers Gehilfen bedient werden.

1936: Friedrich Voget lobt die Orgel und sieht in ihr ein solides Werk. Es fehle ihr nur an Bass und man müsse einige unbrauchbare Stimmen austauschen. Kurioserweise bemängelt er, dass vor der Orgel keine Organistenbank, sondern ein gepolsterter Drahtsessel steht.

1942: Enno Popkes beurteilt die Orgel. Er ist zwigespalten, einerseits findest das Werk grundsolide und bemängelt den Einbau der Gambe, andererseits ist die Orgel in einem schlechten Zustand. Besonders trifft das wohl auf die Trakturen und Klaviaturen zu. Den Sessel mag er auch nicht.

1950: Gutachten von Karl Puchar…
1952, 1955: …und Rolf Hallensleben berichten ausführlich vom schlechten Zustand der Orgel. Die Orgel ist stark verdreckt. Bei einer Reparatur der Kirchendecke ist wohl einiges an Schutt in die Orgel gerieselt. Die Windlade ist undicht und voller Durchstecher. Viele Holzteile sind morsch, Metallteile oxidiert, die Holzpfeifen undicht und die Metallpfeifen verbeult und an den Rändern eingerissen. Immerhin geht aus Hallenslebens Gutachten hervor, dass Maucher wohl nur bei den neuen Pfeifen Kernstiche gesetzt habe. Die alten Pfeifen hätten glatte Kerne und offene Füße, die Kerne der neuen Pfeifen sähen aus wie ein „gefräßiges Haiifischmaul“. Puchar findet den Sessel originell, Hallensleben ist vom „Plüsch-Sessel“ nicht begeistert.

Zustand vor der Restaurierung. Bildquelle: Archiv J. Ahrend. In: Nickles, R. (1995): Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Bremen: H. M. Hauschild, S. 615. Mit freundlicher Genehmigung durch Henrik Ahrend.

1987-1990: Aufstellung einer kleinen Interimsorgel der Krummhörner Orgelwerkstatt.

1991: Die Orgel wird durch Jürgen Ahrend aufwändig restauriert. Man kann vom Glück sprechen, dass in den 50er/60er Jahren nichts großes unternommen wurde, als es noch normal war, das Innenleben einfach neu zu bauen, statt zu restaurieren. Mit Jürgen Ahrend restauriert einer der fähigsten Orgelbauer dieser Zeit, wenn es um diese Art Orgel geht. Das Pfeifenwerk wird wieder spielbar gemacht und alles Verlorene stilgerecht passend rekonstruiert. Es gibt eine Abweichung von der Denkmalpflege, die aber nur Spieltisch und Balghaus betreffen: Es wird ein selbstständiges Pedalwerk über den Bälgen im Balghaus vorbereitet, aber nicht finalisiert. Daher gibt es am Spieltisch drei Blindzüge, sie sind für drei Ppedalregister gedacht, die man in der Zukunft einbauen könnte. Außerdem ist das Pedal aus diesem Grund nicht dauerhaft gekoppelt, sondern lässt sich mit einem weiteren Zug koppeln. Das Pedalwerk ist -Stand 2026- nicht realisiert und es gibt auch keine konkreten Planungen. Da Grotian aber 1994 auch keines gebaut hat, entspricht der heutige Zustand dem von 1994.

Zum Vergleich: Die Orgel 2022 (eigene Aufnahme).

3 Beschreibung

Die Orgel verfügt über 16 Register auf zwei Manualen und angehängtem Pedal und ist auf der Westseite aufgestellt.

Die Orgel gehört so ziemlich zu den schönsten Barockorgeln, die Ostfriesland zu bieten hat. Jedes Register ist hervorragend intoniert, kraftvoll, brillant, obertronreich, aber trotzdem von einer Feinheit, die diese Orgel auch nicht übertrieben wirken lässt. Dazu kommt noch die Akustik der Kirche. Die meisten Barockorgeln Ostfrieslands stehen entweder in kleinen Dorfkirchen, oder in größeren Kirchen mit vielen Holzelementen. Die Pilsumer Kreuzkirche ist für das Dorf schon sehr groß und könnte auch in einer Kleinstadt stehen. Die hohen Wände sind steinern und teils noch mit mittelalterlichen Malereien versehen. Besonders das Kreuz mit seinen Winkeln trägt dazu bei, dass der Schall mehrfach reflektiert „herumwabert“, ehe er zum Zuhörer oder Spieltisch zurückgelangt. Davon bekommt man als Organist auch viel mit, weil das Hauptwerk deutlich über dem Spieltisch angeordnet ist. Ich erlaube mir mal eine Anekdote: Das erste Mal habe ich in Pilsum eine Vertretung gespielt. Der Küster hat mit am Nachmittag aufgeschlossen und ich sollte bescheid sagen, wann ich durch wäre. Ich meinte daraufhin: „Alles klar, es ist ein Standard-Gottesdienst, eine Stunde, dann bin ich fertig“. Aus der Stunde wurden zwei, drei, vier,… Schließlich kam der Küster am späten Abend zwischen acht und neun, um die Kirche abzuschließen, auch ohne meine Nachricht. Wenn man ansatzweise etwas mit norddeutschem Barock anfangen kann, sollte man als Organist mindestens einmal in Pilsum gespielt haben. Ich neige eigentlich nicht zu solchen Superlativen und ich kann mich für so ziemlich jede Orgel begeistern. Aber selten zieht mich eine Orgel so sehr in den Bann. Und das muss man live hören, dem kann weder eine Aufnahme, noch die folgende Beschreibung gerecht werden.

Der überwiegende Teil der Register sind Prinzipale. Im Hauptwerk ist der Prinzipalchor von Principal 8′ bis Mixtur bis auf einige Mixturpfeifen original – auch der Principal 8′ im Prospekt. Der vereint Vokalität, Grundton und Strich perfekt, er klingt war, sauber und doch kräftig genug, um das volle Werk zu tragen. Neben der Begleitfunktion kann man ihn auch gut solistisch verwenden. Flöten eigenen sich dann gut, um den Klang interessanter zu machen. So bringt die Kombination Principal 8′, Nasat 3′ und Tremulant eine wirklich sehr schöne Cantus firmus Registrierung. Für das Prinzipalplenum kommen dann Octav 4 und 2′ hinzu, die diese Vokalität zwar mittragen, aber naturgemäß mit der Höhe brillanter werden. Dann stehen dem Organisten zwei Mixturen zur Verfügung, das gleichnamige Register und eine Sexquialter. Die lässt sich sowohl als terzhaltige Klangkrone, aber auch als Solostimme verwenden. Die starke, bassige Trompete rundet den Klang ab. Neben dem vollen Werk mit Mixtur und Sexquialter kann man sich auch gut nur mit Sexquialter verwenden, angelehnt an das französische Grand Jeu.

Sehr gelungen sind auch die Flötenstimmen der Orgel. Die Quintadena gehört zwar streng genommen nicht zur Familie der Flöten, lässt sich aber gut als Grundlage für den Flötenchor verwenden. Der Klang ist durch Nasat und Quintadena angenehm näselnd und durch die Flachfloit hell noch dazu. Es macht außerdem Spaß, sich durch die verschiedenen Spaltklänge zu probieren. Es ist außerdem ein Merkmal des Werkes, dass man die Flöten nicht nur im Flötenchor oder solo verwenden kann, sondern auch gemischt mit Prinzipalen, wie oben bereits mit dem Principal angedeutet.

Das Brustwerk ist im Prinzip eine kleinere Variante des Hauptwerks und durch das Scharff auch nur etwas leiser. Highlight ist hier die Quint 1 1/2, die im Spaltklang mit dem Gedact 8′ einen feinen, glockenspielartigen Klang hat. Besonders mit dem Tremulant ist das eine schöne Soloregistrierung. Einen tollen Klang hat auch das Regal 8′, frech, aber im Raum doch wieder irgendwie fein. Bei zugeklapptem Brustwerk kann man das Register tatsächlich nicht nur solistisch, sondern auch zur Begleitung (z. B. in den Mittelstimmen) nehmen, wenn man das Hauptwerk entsprechend registriert. Darin besteht übrigens eine der wenigen Tücken. Das Hauptwerk ist naturgemäß unten deutlich kräfter und das Brustwerk leiser. Ein Effekt, der sich am Spieltisch umkehrt. Um Haupt- und Brustwerk auszubalancieren, empfiehlt sich jemand zum Abhören oder ein Aufnahmegerät unten.

Die Orgel ist berühmt dafür, ein hervoragendes Werk eines lokalen Orgelbauers zu sein, aus einer Zeit, die vor allem durch Schnitger dominiert wurde. Die hin und wieder zu lesende Schilderung, die Orgel sei gröber und konservativer als Schnitger, trifft vielleicht auf die Machart der Pfeifen zu. Klanglich wartet die Orgel mit großem Kontrast auf, von stiller Begleitung auf dem Brust, feinen kammermusikalischen Flötenklängen und ganz besonders den großen, festlichen Plena. Für das volle Werk kann man durchaus alle Register ziehen und das Brustwerk an das Hauptwerk koppeln. Lediglich die Flachfloit im Hauptwerk würde ich weglassen, da bereits Octav 2′ und Mixtur vorhanden sind. An Literatur bietet sich der Großteil der norddeutschen Orgelschule an. Dank der zwei Manuale lässt sich auch die fehlende Selbstständigkeit des Pedals umgehen. Das besitzt eine kurze Oktave, nicht, wie es auf einigen Websites steht, die Töne Fis und Gis! Die Tasten dafür gibt es zwar, sie sind aber stumm, weil das Pedal an das Hauptwerk gekoppelt ist. Besonders Komponisten von Scheidemann bis Buxtehude funktionieren hervoragend. Der Nachhall sorgt dafür, dass die Stücke auch nicht zu mathematisch werden, sondern noch mehr eine gewisse Sinnlichkeit. Es gibt sogar Werke von Bach, die man gut in Pilsum spielen kann. Die Norder Stimmung, die hier gelegt wurde, ist zwar stark ungleichstufig und kommt klanglich der Mitteltönigkeit nahe. Das macht sie sehr geeignet für die hochbarocken, norddeutschen Komponisten. Die Randbereiche sind aber gedämpfter und Bach ist möglich. Die Stücke müssen nur in den Klaviaturumfang passen. Wer hier unbedingt Bach spielen muss, könnte beispielsweise Präludium und Fuge in C (BWV 545) oder eines der kleineren Choralvorspiele spielen, wie „In dulci jubilo“.

Ein Besuch lohnt sich besonders aufgrund, weil hier eine bestens restaurierte, große, hochbarocke Orgel in hervorragender Akustik steht.

4 Literaturverzeichnis

Ich gebe keine Gewähr für die Richtigkeit dieses Textes. Dieser Beitrag setzt sich aus Informationen zusammen, die ich bei einem Besuch vor Ort sowie folgenden Quellen erfahren habe:

Dannenberg, H.-E. (Hg.) (2022): Pilsum, Ev.-ref. Kirche (ehem. St. Stephanus). Stade: Nomine e. V. https://nomine.net/orgel/pilsum-ev-ref-kirche-ehem-st-stephanus/ (09.07.2026).

Kaufmann, W. (1968): Die Orgeln Ostfrieslands – Orgeltopographie. Aurich: Ostfriesische Landschaft.

Nickles, R. (1995): Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Bremen: H. M. Hauschild.

Vogel, H.; Ruge, R.; Noah, R.; Stromann, M. (1997): Orgellandschaft Ostfriesland. Norden: Verlag Soltau-Kurier-Norden.