
1 Disposition und Überblick
Erbauer: Karl Schuke
Jahr: 1958
Ort: Ev.-ref. Neue Kirche Emden
Umfang: 21IIP
Alle Register von Schuke
Hauptwerk (C-g“‘):
Praestant 8′
Rohrflöte 8′
Oktave 4′
Superoktave 2′
Mixtur 4-6 fach
Dulcian 16′
Trompete 8′
Oberwerk (C-g“‘):
Gedackt 8′
Praestant 4′
Koppelflöte 4′
Gedackt 2′
Quinte 1 1/3′
Sesquialtera 2 fach
Scharff 4-5 fach
Trichterregal 8′
Pedal (C-f‘):
Praestant 16′
Oktave 8′
Oktave 4′
Mixtur 5 fach
Posaune 16′
Schalmei 4′
Koppeln: Ped/HW, Ped/OW, OW/HW
Tremulant OW
Stimmung: Gleichstufig
Stimmtonhöhe: Normal
2 Geschichte
Vorgeschichte:
1648: Die Neue Kirche Emden wird fertiggestellt. Den Namen erhält sie, weil sie im Vergleich zu den damaligen Kirchen in der Stadt tatsächlich neu ist.
1799: Marinus Schröder vermacht 500 Rth. für den Bau einer Orgel in der Neuen Kirche. Verhandlungen für den Bau in den darauffolgenden Jahren endeten aber aufgrund der schwierigen politischen Lage ohne Ergebnis.
1816: Johachim Wenthin (der Sohn von Johann Friedrich) und Johann Gottfried Rohlfs werden für den Orgelnaubau angefragt. Vorgabe sind 20-25 Register. Nach der Kommission sei des die Möglichkeit für einen geschickten Orgelbauer, „seine Geschicklichkeit und Kunst recht zeigen zu können.“ Wenthin lehnt ab, es sei von schwacher Gesundheit, hätte in Lingen und Tecklenburg viel zu tun und keine Lust auf ein großes Werk. Rohlfs lehnt auch zunächst ab, da die Orgelkommission ihn auffordert, nach Emden zu kommen. Er fürchtet, auf den Kosten für Reise und Essen sitzen zu bleiben, vor allem, wenn er noch dazu den Auftrag nicht bekäme. Die Kommission fordert ihn daraufhin auf, ihnen einen Kostenvoranschlag mit Zeichnung zu schicken. Dem kommt er nach, fordert aber auch Klarheit, was seinen „Konkurrent“ Wenthin betrifft. Offenbar hat die Kommission ihm nicht von Wenthins Absage erzählt. Johann Wilhelm Timpe wird ins Boot geholt, weil er für 1/3 weniger die Orgel bauen würde. Rohlfs ist daraufhin sichtlich sauer und erklärt in einem Brief, dass der Unterschied im Preis an der Stimmtonhöhe läge. Tatsächlich bietet Rohlfs eine Orgel im Kammerton an, Timpe im Chorton, das ist etwa ein Unterschied von einem Ganzton. Entsprechend bräuchte Rohlfs für seinen Vorschlag mehr Material für Pfeifen. Rohlfs argumentiert noch, dass es dadurch einfacher sei, mit anderen Instrumenten zusammen zu spielen. Timpe reicht einen Kostenvoranschlag ein mit im Prinzip spätbarocker Disposition angereichert mit galanten Registern. Bürgermeister Rösingh schaltet sich ein und hätte gerne einen Untersatz 32′ im Pedal. Es werden auch andere Dispositionen als Vorbilder genommen, u. a. von der Garnisonskirche Potsdam. Weil Timpe alle Arbeiten in Emden machen solle, damit man ihn beim Arbeiten besser kontrollieren könne. Auch Johann Friedrich Wenthin habe schließlich die Orgel für Große Kirche Emden direkt in der Kirche im Begräbnis-Chor gebaut.
1818: Johann Wilhelm Timpe baut schließlich die erste Orgel der Neuen Kirche Emden. Sie hat 30 Register (spätere Berichte verweisen allerdings auf 29 Register) und das Abnahmegutachten bescheinigt Timpe eine hervorragende Arbeit. Der Prospekt wird von Anthonie Walles gefertigt.
1898: Johann Diepenbrock tauscht die Keilbälge gegen einen Magazinbalg und renoviert die Orgel.
1907: P. Furtwängler und Hammer erneuern Trompete 8′ und Principal 8′ im Manual. Immerhin empfehlen sie ausnahmsweise mal keinen Neubau, wohl aber der Austausch weiterer Register.
1914: Auch der Organist wünscht sich neue Register. Er betont, dass es die Orgel nach fachmännischem Urteil wert sei, sie weiter zu verbessern.
1917: P. Furtwänger und Hammer empfehlen doch einen Neubau, weil das Werk sehr „verbraucht“ sei. Das attestierten sie so ziemlich jeder älteren ostfriesischen Orgel.
1925: Friedrich Voget lobt den guten Zustand der Orgel und berichtet, sie würde keine Zeichen von Verfall zeigen. Er bemerkt aber, dass Pfeifenreihen fehlen würden.
1926: Laut eines Fragebogens fehlen mehrere Register.
1935: Der Landeskirchenrat bemängelt fehlende Register, sie seien ausgebaut worden.
1937: Max Maucher arbeitet an der Orgel und einen Teil der fehlenden Register wieder spielbar.
1942: Die Kirche wird von Bomben beschädigt. Der Kantor schreibt im April an den Pastor, das Hauptwerk sei nicht mehr spielbar, Ober- und Pedalwerk aber intakt. Noch könne man die Orgel retten, man müsse aber sofort neue Fenster einbauen. Im Oktober beschreibt Karl Puchar den Zustand der Orgel als schlecht, weil das (Un)wetter durch die kaputten Fenster auf die Orgel wirken konnte. Zur Wiederspielmachung braucht es nun wohl eine große Überholung. In dem Zusammenhang empfiehlt er, vier Zungenstimmen zu modernisieren.
1944: Emden wird schwer bombardiert und zum Großteil zerstört. Die Neue Kirche Emden brennt bis auf die Grundmauern nieder. Auch die Orgel geht dabei unrettbar verloren.
1947: Rolf Hallensleben wird Kantor und bleibt es bis zu seinem Tod 1984.
1947-50: Die Neue Kirche Emden wird wieder aufgebaut.
1956: Ein Orgelbau mit 20 Registern auf zwei Manualen und Pedal durch Paul Ott wird beschlossen und das Rückpositiv geliefert. Es kommt zu Streitigkeiten mit der Firma über Lieferzeit, Ausführung und Aufstellung des Hauptwerks sowie den genauen Aufstellungsort des Rückpositivs in der Brüstung.
1957: Das gelieferte Rückpositiv wird abgebrochen und der Orgelbauer Karl Schuke aus Berlin beauftragt.
Heutige Orgel:
1958: Schuke baut final die heutige Orgel. Der Tischlermeister Folkert Meints aus Emden fertigt das Gehäuse an.
3 Beschreibung
Die Orgel verfügt über 21 Register auf zwei Manualen und selbstständigem Pedal und ist auf der Südseite aufgestellt.
Es ist die größte neobarocke Orgel in Emden. Es gibt in Emden zwei Orte, wo man eine große Orgel in großer Kirche mit viel Hall spielen kann und dieses ganz besondere „Stadtkirchengefühl“ bekommt: Hier und in der benachbarten Martin-Luther-Kirche. Dort steht zwar eine noch größere Orgel, die folgt aber romantisch-symphonischen Prinzipien und ist mit der der Neuen Kirche kaum vergleichbar. Das heißt nicht, dass es sich in den anderen Emder Kirchen schlechter spielt – das Gefühl ist einfach ein anderes. Dabei hat die Orgel der Neuen Kirche Emden „nur“ 21 Register. Das klingt nach viel, wenn man nur kleine Orgeln der Umgebung gewohnt ist, verglichen mit anderen großen Stadtorgeln Ostfrieslands ist sie eher kleiner. Sie fühlt sich aber groß an und hat musikalische eine wahnsinnig hohe Bandbreite. Und das kann man erklären.
Die Orgel ist klar sichtbar in Haupt-, Ober- und Pedalwerk gegliedert. Das Hauptwerk enthält den Prinzipalchor in 8′, 4′ und 2′-Lage sowie die Mixtur, Zungenstimmen in 16′ und 8′ sowie eine 8′-Flöte. Das Oberwerk enthält vor allem Solostimmen: Einen Flötenchor in 8′, 4′ und 2′-Lage, ein Trichterregal 8′ und die Prinzipale 4′ und 1 1/3′ mit dem Scharff 4-5 fach als Klangkrone. Das Pedal besteht aus einem Prinzipalchor auf 16′-Basis sowie Posaune 16′ und Schalmei 4′. Posaune 16′ und Praestant 16′ machen ordentlich was her und sorgen als erstes für Stadtkircheneindruck. Eine Posaune 16′ ist noch etwas häufiger, einen voll ausgebauten Praestant (Prinzipal) 16′ gibt es neben der benachbarten Martin-Luther-Kirche erst wieder in Norden und Leer. Der Praestant 16′ ist recht langsam und ruhig intoniert, er muss als einziger labialer 16′ schließlich auch Flötenkombinationen begleiten können. Er ist aus Kupfer gebaut, was farblich nochmal andere Akzente setzt und sorgt mit seiner Größe dafür, dass die Pedaltürme so hoch wie Haupt- und Oberwerk zusammen sind. Für Plena sind schließlich die beiden Pedalzungen da, gerade die Posaune sorgt für ordentlich Gravität.
Allein durch das Oberwerk wirkt die Orgel imposant. Die Verteilung der Register ist hier sehr geschickt: Einerseits entspricht sie dem Werkprinzip, jedes Werk kann von leise bis laut alles spielen, hat Solostimmen, eine Mixtur, Zungen und kann auch nur begleiten. Andererseits haben gerade Haupt- und Oberwerk klare Schwerpunkte. Das Hauptwerk hat mit dem Prinzipalchor und den Zungen die Zutaten für den ganz großen Klang, kann aber mit Rohrflöte und Praestant 8′ auch begleiten. Die Stärke des Oberwerkes sind dann eher die Plena im Mezzoforte und Soloregistrierungen. Durch die Lage des Oberwerkes unter der Decke und der großen Distanz zum Publikum ergibt sich mit den lieblichen Flöten ein wunderschöner, ferner Klang. Der Orgelbauer Bartelt Immer erzählte mal, wie Hallensleben Messiaen im Konzert spielte. Messiaen hat besonders in einem Werk Vogelgesänge eingebaut und Immer kann sich noch gut daran erinnern, wie hervorragend diese aus dem fernen Oberwerk mit den lieblichen Flötenregistern klangen. Das ist nebenbei bemerkt auch der Grund, warum die Orgel gleichstufig gestimmt ist, obwohl eine ungleichstufige für die hellen Mixturen eigentlich harmonischer wäre – um eben solche Neue Musik spielbar zu machen. Im Oberwerk ist noch eine Sesquialtera 2 fach, die eher Flöten- statt Prinzipalcharakter hat. Mit den drei Flötenregistern bildet sie ein fünffaches Cornet. Glockenspielartige Klänge lassen sich mit der Quinte 1 1/3′ erzielen, wunderschön im Spaltklang mit dem Gedackt 8′. Das Trichterregal klingt am Spieltisch überraschend ruhig, im Raum aber deutlich „frecher“. Damit lässt sich Renaissance-Musik schön spielen, mit dem Tremulant kann man das Register aber auch als Solostimme wie beispielsweise einer Oboe oder Vox humana benutzen. Das Scharff macht seinem Namen alle Ehre und klingt hell und glitzernd. Neben seiner ursprünglichen Bestimmung, dem Oberwerk Werkcharakter zu verschaffen und dem Hauptwerk etwas entgegenzusetzen, kann man es auch hervorragend für den ganz großen Klang zum Hauptwerk dazukoppeln. Es ergänzt nämlich sehr gut die Hauptwerksmixtur, wobei die auch alles andere schwach ist.
Man erahnt schon an der Länge des Artikels den zweiten Grund, warum die Orgel größer wirkt, als die 21 Register vermuten lassen. Jedes Register hat einen einzigartigen Charakter. Die Orgel ist das perfekte Beispiel dafür, wie man 21 sinnvoll über drei Werke verteilen kann. Und dabei ist das Klangkonzept einheitlich, sie ist keine Kompromissorgel. Man kann mit dieser Orgel ebenso viel machen, wie mit vielen Orgeln, die doppelt so groß sind, weil hier genau darauf geachtet wurde, dass keine wirklichen Dopplungen vorkommen. Die 21 Register sind wirklich 21 verschiedene Register, die sich lohnen, angespielt zu werden. Geschickt ist auch, dass das volle Werk tatsächlich der einer großen Orgel mit 40 Registern entspricht, Praestant und Posaune 16′ im Pedal, neben der Trompete 8′ auch eine 16′-Zungenstimme im Hauptwerk (dass das ein Dulzian ist, ändert am Effekt wenig) und auch zwei Mixturen, die man koppeln kann. Und wenn man will, kann man durch Koppeln die 8′- und 4′-Lage mit den entsprechenden Registern auffüllen, auch wenn das zur Erbauungszeit eher kritisch gesehen wurde.
Insgesamt hat die Orgel besonders in den Plena ordentlich Kraft. Das fällt besonders den Organisten auf, schließlich befindet sich der Spieltisch direkt unterhalb des Hauptwerkes. Unten verteilt sich der Klang noch besser. Die Akustik in der Neuen Kirche ist ziemlich gut, Töne klingen einige Sekunden aus, der Hall ist aber auch nicht übertrieben lang. Das Klangbild der Orgel passt da gut rein, es ist kraftvoll, aber nicht so scharf, wie Barockorgeln aus der Gegend oder den zeitgenössischen von Ahrend und Brunzema. „Ausgewogen“ trifft es gut und dennoch ist das volle Werk klanglich echt spektakulär. Es wälzt einen nur nicht so nieder wie manche romantische Domorgeln oder klingelt nach einer Weile in den Ohren, wie das Brustwerk einer Barockorgel. Die Orgel schafft einfach den Spagat zwischen laut, aber auch ästhetisch.
Ein Besuch lohnt sich besonders, weil es Ostfrieslands einzige große durch und durch neobarocke (!) Orgel mit Stadtkirchenatmosphäre ist: Mehrere 16′-Regiter, Akustik mit ordentlich Nachhall, vielen Solomöglichkeiten und ein prächtiges volles Werk.
4 Literaturverzeichnis
Ich gebe keine Gewähr für die Richtigkeit dieses Textes. Dieser Beitrag setzt sich aus Informationen zusammen, die ich bei einem Besuch vor Ort, im Austausch mit Orgelbauer Bartelt Immer (dafür vielen Dank!) sowie folgenden Quellen erfahren habe:
Marburg-Herlyn, K. (2005): Die Schuke-Orgel in der Neuen Kirche. In: Bau-Brief – Mitteilungen aus dem Bauverein Neue Kirche Emden e. V./3 (2005).
Nickles, R. (1995): Orgelinventar der Krummhörn und der Stadt Emden. Bremen: H. M. Hauschild.